Güvercinlik Vadisi – Der Pfad durch den weißen Canyon

Wer sich von den sanfteren Hängen um Göreme auf den Weg hinauf zur Bergfestung von Uçhisar macht, verlässt die vertraute Welt und betritt eine fantstische Landschaft, in der man sich wie in einer Märchenwelt vorkommt.

Der Pfad, der sich tief auf dem Talgrund des Güvercinlik Vadisi windet, ist kein sanfter Spazierweg, sondern ein staubiges Band, das sich den Launen der Natur anpasst. Er folgt dem uralten Bett eines Bachs, der sich über Jahrmillionen durch das weiche Vulkangestein fraß. Mal verengt sich der Weg so weit, dass die Tuffsteinwände fast die Schultern berühren, mal öffnet er sich in weite, sonnenverbrannte Kessel, in denen wilder Salbei und knorrige Feigenbäume den staubigen Boden durchbrechen.

Es sind vor allem die imposanten Felswände, die den Reisenden in ihren Bann ziehen. Wie die erstarrten Wellen eines steinernen Meeres ragen sie links und rechts empor, gezeichnet von den horizontalen Bändern unterschiedlicher Ascheschichten, die von den Ausbrüchen der Ur-Vulkane Erciyes und Hasan Dağı zeugen.

Das weiche Weiß des Tuffs wechselt sich hier mit härteren, dunkleren Gesteinsschichten ab, was zu einer dramatischen, fast unheimlichen Topografie führt. Wo der Wind die Wände über Jahrhunderte aushöhlte, entstanden mächtige Überhänge, die wie versteinerte Riesen über den Wanderer wachen.

Das Auge verliert sich in den schwindelerregenden Vertikalen, die Felswände wirken aus der Froschperspektive wie die Festungsmauern einer vergessenen Zivilisation, durchbrochen nur von den dunklen Öffnungen der Taubenhäuser, die wie schwarze Perlen in den hellen Stein gemeißelt wurden.

Je weiter man dem Pfad nach oben folgt, desto spürbarer wird der Anstieg. Der Weg windet sich in engen Kehren an den steilsten Abschnitten vorbei, vorbei an abgestürzten Felsblöcken von der Größe eines Hauses, die irgendwann in einer längst vergangenen Epoche der Schwerkraft nachgaben. Jeder Schritt auf diesem Pfad ist eine Reise durch die Zeit – und mit jedem Höhenmeter, den man gewinnt, schält sich im Hintergrund die wuchtige Silhouette von Uçhisar aus dem Dunst der anatolischen Hitze, während Göreme tief unten im Tal langsam im Staub der Landschaft versinkt.