Mit dem Taxi im Stau in Istanbul

Mit dem Taxi im Stau auf der Kennedy-Caddesi, der Hauptstraße entlang des Istanbuler Hafens auf der europäischen Seite des Marmara-Meers zwischen Yeni Kapı, wo die Fähren zu den Prinzeninseln, jene rund 10 Kilometer südöstlich von Istanbul gelegenen Inseln, die im Byzantinischen Reich als Ort der Verbannung, seit dem 19. Jahrhundert jedoch als Erholungsziel für reiche Istanbuler dienten, abfahren und den Piers, wo große Frachtschiffe vor Anker gehen. Von der alten Stadtmauer sind es immerhin noch 20 Kilometer bis zum internationalen Flughafen, dem Atatürk Hava Limanı bei Yeşilköy oder rund die Hälfte bis zur Otogar in Esenler, dem großen Busbahnhof, von dem aus die Überlandbusse in die gesamte Türkei starten.

Es ist etwa eine Stunde nach Sonnenuntergang und die Blechkarawane unzähliger Autos quält sich durch die Straßen stadtein- und stadtauswärts, viele sind auf dem Weg nach Hause. Während die Lichter der Schiffe sich im Marmarameer spiegeln, versuchen zahlreiche Leuchtreklame-Schilder die Pendler auf sich aufmerksam zu machen. Automobilhersteller haben hier ihre großen Autohäuser und Werkstätten, darunter Mercedes, Opel, BMW, Audi und Volkswagen. Taxifahrer Ahmet nimmt das Stop and Go im Verkehr gelassen hin. Er steuert eines der 17000 gelben Taxis, die im Stadtgebiet Istanbuls tagtäglich und des nachts unterwegs sind, manchmal wie ein großes gelbes Feld in dem bunten Flickenteppich Verkehr wirken. Hupen ist angesagt, auch wenn es nicht viel bringt. Da das Seitenfenster grundsätzlich runtergekurbelt ist, dringen die Abgase in den Innenraum des Murats, eines der türkischen Autos, die in Fiat-Lizenz gebaut werden. Ahmet hat in den 1970er Jahren in Deutschland gelebt und gearbeitet, aber er hat die deutsche Sprache komplett vergessen, nachdem er nun wieder über 25 Jahre in Istanbul lebt und Taxi fährt.

Nur die Namen deutscher Fußballstars jener Jahre sind ihm in Erinnerung geblieben. „Müller, Breitner, Beckenbauer“ ruft er und lacht. „Deutschen Fußball habe ich immer gerne gesehen“, spricht er auf türkisch weiter. Und natürlich erwähnt er die Istanbuler Fußballvereine wie Galatasaray, Beşiktaş und Fehnerbahçe.

Ahmet möchte sich bald ein Auto mit dem Stern kaufen, ein Gebrauchtes natürlich, ein Neues wäre für ihn kaum bezahlbar. Mir fällt auf, dass in Istanbul viele neue ausländische Fabrikate unterwegs sind, neben einigen Limosinen und Sportwagen sieht man viele japanische Kleinwagen, aber auch Golf, Polo, Renault. „Die Leute verschulden sich“, sagt Ahmet, „nur um ein neues Auto zu fahren. Aber das böse Erwachen kommt meist erst hinterher, wenn sie merken, das sie die Raten nicht mehr bezahlen können“.

Nicht viel anders als in Deutschland, denke ich. „Vom Taxifahren kann man nicht reich werden und das Leben ist auch in der Türkei teurer geworden“, erzählt Ahmet weiter: „Und die Stadt hat sich verändert, als Taxifahrer erlebst du auch schon mal Überfälle und betrunkene Fahrgäste, vor allem nachts. Das war früher nicht so.“ Ich erinnere mich, das Mitte der 1980er Jahre Alkohol, vor allem der türkische Raki offensichtlich überwiegend in den Clubs an den eher wenigen Vergnügungsmeilen ausgeschenkt wurde oder in den Lokalen in Kumpapı bis zur Mustafa-Kemal-Caddesi.

Die Ampel steht auf rot, doch kaum ein Autofahrer kümmert sich darum. Will man als Fußgänger eine der mehrspurigen Straßen überqueren, heißt es mutig sein und einfach auf die Straße rennen, im letzten Moment wird der Autofahrer doch stehen bleiben. So jedenfalls die Hoffnung, andernfalls hat man keine Chance auf die andere Seite zu gelangen. Trotz mittlerweile an vielen Stellen vorhandener Ampeln im Stadtverkehr werden diese oftmals ignoriert, auch wenn ein Fahrzeug der Trafik Polis, der Verkehrspolizei vorbeifährt oder gar ein Beamter in der Nähe steht. Die patrouillierenden Verkehrspolizisten in ihren blauen Uniformen und weissen Kappen sprechen Verkehrsteilnehmer in barschem Ton über die Lautsprecher der Streifenwagen an. Die forsche Ansprache scheint nötig, oftmals reagiert der so angesprochene Autofahrer erst nach der dritten Aufforderung.

Allgemein wurde das Straßennetz auch um die Stadt herum, vor allem in Richtung der Industrieregion um Izmit verbessert. Auf Autobahnen gibt es ein Mautsystem, vor allem bei den Überlandbussen funktioniert das gut, sie werden beim Durchfahren der Mautstellen automatisch registriert. Überall wird kassiert, auch als der Taxifahrer auf das Gelände der riesigen Otogar einfährt, dem Busbahnhof, an dem täglich hunderte von Überlandbusse in alle Richtungen der Türkei abfahren.

Bei meiner ersten Ankunft mit dem Bus an dem im Stadtteil Esenler neu errichteten Betonkomplex in einer Nacht im Mai 1997 wirkte das Gebäude fast bedrohlich. Bei Tag wird jedoch die gewonnene Funktionalität deutlich, während auf dem alten Gelände der Otogar nahe der historischen Stadtmauer ein geschäftiges, überaus chaotisches Treiben herrschte, verlieren sich die Reisenden jetzt fast auf dem Areal mit hunderten von kleinen Büros der Busgesellschaften.

Ich vermisse ein wenig den Charme der alten Otogar in den 1980er Jahren, wo wildes Rufen die Busabfahrt ankündigte, während Reisende aus verschiedenen Landesteilen in den beengten Bürostuben saßen und mit aller Art von Gepäck inklusive Säcke von Obst und Gemüse warteten. Simitverkäufer liefen ihre Ware anpreisend durch die Busse, bevor sich das Fahrzeug mit viel Huperei in Bewegung setzte. Ein kettenrauchender Busfahrer drehte türkische Musik laut an und den Reisenden wurde erst einmal Parfüm aus einer großen Flasche in die Hände geschüttet, so dass im Bus eine Wolke Kölnisch Wasser lag.

Heute sind die vollklimatisierten Busse modern ausgestattet, es besteht Rauchverbot, die Kölnisch Wasser-Flasche ersetzt ein Erfrischungstuch und es werden auf den langen Fahrten Tee, Kaffee, Wasser und Softdrinks gereicht, alles im Fahrpreis inbegriffen.

Wie früher geht es noch am Busbahnhof in Harem auf der asiatischen Seite Istanbuls zu, der Anadolu Otogar. Die wesentlich kleinere Station wird von den meisten Bussen nach der Überquerung des Bosporus auf einer der Brücken, die Europa und Asien verbinden, als letzte Station in Istanbul angefahren. Fahrgäste von der asiatischen Seite steigen hier zu.

Das Busnetz ist in der gesamten Türkei gut ausgebaut und daher im Fernverkehr Hauptverkehrsmittel. Im Stadtverkehr sind neben den großen Linienbussen auch viele Sammeltaxis unterwegs. Die so genannten Dolmuş sind nicht nur preiswert, sie halten auch direkt da, wo man aussteigen will.

In den 1980er Jahren sah man noch viele alte amerikanische Autos, z.B. der Marke Dodge, mit einem breiten Rücksitz, die als Dolmuş fungierten. Heute sind es ausschließlich kleine Minibusse, in denen 8-9 Personen Platz finden. Während der Fahrer im mit Gebetsketten und religiösen Aufklebern verzierten vorderen Teil nach neuen Fahrgästen am Straßenrand Ausschau hält, sorgen die Passagiere selbst für das Bezahlen und Wechselgeld. In diesen Dolmuş herrscht meistens eine gute Atmosphäre, Gespräche zwischen Fahrgästen und Hilfsbereitschaft beim Aus- und Einsteigen.

Das modernste und schnellste Fortbewegungsmittel Istanbuls ist die Metro. Auch von der Otogar in Esenler fährt die meist total überfüllte Bahn direkt in das Stadtzentrum. In Aksaray steigt man um, wenn man in Richtung Sultanahmet und Eminönü fahren möchte, indem man eine Unterführung und einen kleinen Markt überquert, auf dem überwiegend Papier, Schreibutensilien und Spielsachen angeboten werden. Die U-Bahnstationen sind gut bewacht, erst nach dem Lösen und Einwerfen eines kleinen Jetons kann man den Bahnsteig betreten. Viele Istanbuler nutzen die schnelle Bahn, um an die wichtigsten Punkte in der Innenstadt zu gelangen.

Auf den Straßen und Gehwegen sind viele Arbeiter der Stadtreinigung unterwegs. Während früher Berge von stinkendem Müll an Straßenkreuzungen lagen, ist die Stadt sauberer geworden. Auf großen Plätzen sieht man Müllwerker mit grünen Kehrmaschinen arbeiten.

Istanbul ist eine riesige Metropole, in der es natürlich wie in anderen grossen Städten der Welt auch Kriminalität gibt. Dennoch sind die meisten Straßen nicht generell unsicher. Umsichtigkeit ist angebracht, vor allem in abgelegenen Gassen und Vierteln. Die Hilfsbereitschaft der Türken untereinander wie Fremden gegenüber ist allgemein recht groß. Das wie in manch westlichen Großstädten Passanten nicht auf Hilferufe reagieren, ist in Istanbul eher unwahrscheinlich. Wie man mir erzählte, wird ein Dieb schon mal durch die Nachbarschaft selbst gestellt, wenn gerade kein Polizist in der Nähe sein sollte. Doch Streifenpolizisten zeigen in der Regel starke Präsenz.

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