Antiochia in Pisidien

Nicht weit vom Eğirdir-See liegt Yalvaç und nur ein Kilometer vor der Kleinstadt befindet sich das alte Antiochia in Pisidien. Die Ruinenstadt ist menschenleer, nur der Wind fegt über das Gelände. Ich glaube fast die Fuhrwerke und das Klappern der Rüstung patrollierender römischer Legionäre zu hören, als ich durch die alten Strassen gehe.

Auch wenn man allgemein davon ausgeht, das die Gründung der Stadt Antiochia ad Pisidiam, so der römische Name, in hellenistischer Zeit im 3. Jahrhundert v.Chr. unter den Seleukiden erfolgte, so könne man die Geschichte der Stadt nicht unabhängig von der Geschichte Pisidiens untersuchen, in der eine durchgängige Besiedlung der Region in der Altsteinzeit nachgewiesen sei, schreibt der türkische Archäologe Ünal Demirer, Direktor des Museums von Yalvaç in seinem Buch “Antiochia in Pisidien”.

In Pisidien wurden viele Spuren der Besiedlung aus der Bronzezeit (bis 3000 v.Chr.) gefunden. Die Pisidier, deren Sprache mit der Sprache der Hethiter verwandt war, blieben aufgrund der strategisch guten Lage lange Zeit unabhängig.

Welchem Kult man in Pisidien anhing, scheint bis heute nicht geklärt, die Einflüsse reichen von einer in der Jungsteinzeit üblichen Verehrung der “Muttergottheit” oder auch einer Art “Urmutter” bis zur Verehrung des “Mondgottes Men”, von dessen Heilgtum aus dem 4. Jahrhundert v.Chr heute noch Überreste zu sehen sind.

Nach Alexander dem Großen, herrschte Seleukos I. Nikator, der Gründer der Seleukiden über Pisidien. Dieser gründete mehrere Städte unter dem Namen “Antiochia”, nach den Namen seines Vaters und seines Sohnes. Möglicherweise wurde Antiochia in Pisidien auch durch Seleukos Sohn Anthiochos gegründet, der dort während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Galatern eine befestigte Siedlung anlegen ließ und im Jahr 275 v.Chr. in einer entscheidenden Schlacht im nahen Taurusgebirge durch den Einsatz von Kriegselefanten die Galater besiegte.

Nachdem die Römer ab dem 2. Jahrhundert v.Chr. in Anatolien vorgerückt waren, geriet Pisidien unter die Kontrolle des Königreichs von Pergamon, einem Verbündeten Roms. Es folgte eine unruhige Zeit, in der die Römer und teils unabhängige Kleinstaaten verschiedener Völker um die Vorherrschaft stritten. Die Verbündeten der Römer unter Markus Antonius konnten das Gebiet nicht befrieden und so sandte Rom immer mehr Legionäre in die Region. Die Kolonialisierung brachte mehr und mehr die römische Kultur nach Anatolien.

Antiochia gewann an Bedeutung und zur Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus (27 v.Chr. -14 n.Chr.) gründeten die Römer acht Kolonien in Pisidien mit der Gebietshauptstadt Antiochia, die in sieben Stadtviertel aufgeteilt wurde und in der sich viele Veteranen ansiedelten.

Dreimal besuchte der Apostel Paulus die Stadt und warb hier für das Christentum. Nachdem im Jahr 313 der byzantinische Kaiser Konstantin Religionsfreiheit gewährt hatte, wurde Antiochia zu einem Zentrum der Christen. In den folgenden Jahrhunderten verlor die Stadt jedoch zusehends an Bedeutung, nicht zuletzt wegen der Abgelegenheit zu den wichtigsten Handelsstrassen. Im 7. und 8. Jahrhundert schwächten die zunehmenden Raubzüge der Araber die Stadt und Region und führten im Jahr 713 zur weitgehenden Zerstörung des alten Antiochia.

Im 11. Jahrhundert waren auch Kreuzritter in der Stadt, die türkischen Seldschuken nutzten Antiochia als Heerlager. Nach dem entgültigen Sieg der Seldschuken in einer Schlacht nahe der Stadt, begann nach 1176 die türkische Besiedlung der Region. Die Türken bauten ihre Siedlung, das heutige Yalvaç jedoch im fruchtbaren Tal, da sie keinen Grund mehr für eine befestigte Siedlung an strategisch wichtiger Stelle sahen.

Nachdem der englische Pfarrer Francis V.J. Arundell, der zwischen 1822 und 1834 als Pfarrer in Izmir tätig war, seine Aufzeichnungen über Antiochia in Pisidien veröffentlicht hatte, kamen viele Forscher nach Pisidien. Die Grabungen waren während des 1. Weltkriegs unterbrochen und wurden erst 1924 fortgeführt, dann führte ein erbitterter Streit zwischen den Forschern William Ramsey und D.M. Robinson von der Universität Michigan 1925 zur erneuten Unterbrechung. Bis 1927 konnte William Ramsey alleine weiter arbeiten, danach wurden die Grabungen erst in den 1950er Jahren langsam wieder aufgenommen.

Ich gehe durch die Ruinen des alten Antiochia in Pisidien, Überreste der alten Verteidigungsanlagen machen klar, das die auf einem Hügel gelegene Stadt nicht ganz einfach einzunehmen war. Vorbei an den Bruchstücken des alten Stadttores auf der Hauptstrasse, der “Decumanus Maximus”, und dem Theater zum Tiberius-Platz und der zentralen Kirche. Ganz in der Nähe befinden sich die Ruinen des beeindruckenden Augustus-Tempel.

Die Stadt wurde über Aquädukte mit Wasser aus den rund 10 Kilometer entfernten Bergen versorgt, einen Teil der gigantischen Wassserleitung kann man heute noch sehen. Lateinische Inschriften und römische Motive auf den Steinen am Wegesrand, die zahlreichen Anlagen wie Wasserbecken, Bäder und Reste von Kirchen zeugen von früheren Epochen Antiochias. In der Regel ist nur die erste Schicht der Grundmauern erhalten, so auch bei der berühmten Paulus-Basilika, deren Bau im 4. Jahrhundert begonnen wurde. Viele Funde aus Antiochia sind heute im Yalvaç-Museum zu finden.

Sanft fegt der Wind über das hohe Grass auf dem Gelände und durch die Ruinen des alten Antiochia in Pisidien, in der einen Richtung das saftige Grün der Wiesen und Bäume und in der anderen Richtung Hügel mit rötlich schimmernder Erde nahe der heutigen Stadt Yalvaç.

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