Landleben in Anatolien – Besuch in Tepeköy

Vor uns liegt die karge und doch so faszinierende Landschaft Anatoliens mit ihren endlosen Hügeln und Tälern, wechselnden Farben an Felsgestein, Büschen und Dornengewächsen im trockenen Boden, die einen unglaublichen Ausdruck von Ruhe und Abgeschiedenheit vermittelt.

Besuch im Dorf Tepeköy

Es ist ein angenehmer Tag Ende September 2003 und ich fahre mit Ahmet in das abgelegene Dorf Tepeköy, etwa 50 Kilometer Landstraße entfernt von der zentralanatolischen Stadt Konya. Er möchte die Weberinnen besuchen, die im Auftrag seines Vaters dort traditionelle, anatolische Flachgewebe (Kilim) in Handarbeit herstellen.

Der Weg geht zunächst vorbei am Stausee Altın Apa, dann über eine einsame Piste immer höher durch die anatolische Landschaft. Unterwegs treffen wir am Wegrand auf ein kleines Bauerngehöft. Frauen sitzen an einem Brunnen und waschen schwatzend die Wäsche, Schafe und Ziegen laufen über die Straße.

Ein großer, finster dreinblickender Hund hält uns in Schach, als wir aussteigen, um den Bauern und seine Söhne zu begrüßen. Etwas mißtrauisch, ein Gewehr über der Schulter, das Gesicht gezeichnet vom rauhen Leben hier draußen, tritt er uns entgegen. Die Frauen dürften nicht fotografiert werden, signalisiert er mir, zeigt sich jedoch freundlich, als ich mich für seine Tiere interessiere. Schließlich werden wir noch zum Tee eingeladen. Wir lehnen höflich ab, denn wir müssen weiter.

Während wir an Zuckerrüben-Feldern vorbeifahren, kommen uns auf der Straße ein Mann und seine Frau auf Eseln entgegen. Plötzlich ist auch noch die Straße blockiert, weil eine Kuhherde sich ihren Weg bahnt.

Schließlich erreichen wir das Dorf Tepeköy, was übersetzt etwa Berggipfel-Dorf bedeutet. Der Ort befindet sich auf zwei Hängen, etwas geschützt unterhalb der Gipfel gelegen. Trotz der Elektrizitätsleitungen, Satelitenschüsseln und ein paar wenigen Traktoren und Lastwagen, fühlt man sich an diesem abgelegenen Ort sofort in eine andere Zeit versetzt. Um das Dorf herum wird in mühsamer landwirtschaftlicher Arbeit auf den Feldern dem Boden etwas abgetrotzt, wie Zuckerrüben, Kartoffeln, Tomaten und Melonen.

Im Dorf scheint die Zeit still zu stehen, die Menschen leben in einfachen Häusern aus Stein und Lehm, Hühner laufen über die Straße, Frauen hocken zusammen auf dem Boden und sieben Mehl, Kinder spielen in den staubigen Gassen.

Gleich mehrere Moscheen dienen dem religiösen Leben. Im Ort ist gerade ein kleiner Lastwagen angekommen, aus dem ein Mann allerlei nützliche Haushaltsdinge verkauft. Im Winter, so erzählt einer, ist die Straße oft tagelang nicht passierbar, das Dorf von der Außenwelt abgeschnitten.

Im Sommer dagegen ist das Wasser knapp und muß teils von weiter unten aus dem Tal geholt werden. Die Gesichter der Menschen wirken hart, doch sie strahlen auch eine Art Zufriedenheit aus, die hier in der Dorfgemeinschaft zu existieren scheint.

Wir besuchen die Weberinnen in ihren Häusern, ziehen unsere verdreckten Schuhe aus und betreten das einfach eingerichtete Innere. Erst nach einigen Diskussionen gelingt es mir die Erlaubnis zu erhalten, die Mädchen beim Weben fotografieren zu dürfen, wenn auch ohne die Gesichter zu zeigen.

Sie tragen bunte Kleider und Kopftücher, verhalten sich zurückhaltend mit gesenktem Blick, doch äußerst freundlich. Kinder drücken sich am Türrahmen herum und blicken scheu um die Ecke.

Ich beobachte die Fertigkeit, mit der die jungen Frauen die Flachgewebe herstellen, so wie es ihre Vorfahren schon seit hunderten von Jahren gemacht haben. Motiv für Motiv wird zwischen die gespannten Wollfäden gewebt.

Für die Menschen ist dies neben dem schmalen Einkommen aus der Schafzucht und Landwirtschaft ein guter Nebenverdienst. Die traditionelle, kreative Arbeit wirkt hier im Dorf authentisch und sie scheint den jungen Frauen auch sichtlich Spaß zu machen.

Nach einer ruckeligen Fahrt auf einem felsigen Weg hinauf auf eine der Anhöhen, von wo aus man weit über das anatolische Land schauen kann, hoffen wir den Schäfer zu treffen, der in den Sommermonaten mit seiner Herde durch die umliegenden Hügel und Täler zieht. Die Landschaft ist karg, vereinzelte dornige Gewächse, mal ein Baum mit Früchten. Es herrscht eine unglaubliche Ruhe, das Land scheint unendlich.

Doch der Schäfer ist bereits weitergezogen und kann trotz unseres geländegängigen Fahrzeugs nicht erreicht werden. Ins Dorf zurückgekehrt, treffen wir auf eine Männerrunde, die das Neueste vom Tage austauscht, während sie ein paar saftige, durstlöschende Wassermelonen verzehren.

Kinder auf Eseln reiten ins Dorf und eine kleine Schafherde wird vorbei getrieben. Langsam macht sich die Sonne rar und so begeben wir uns gegen Abend auf den Weg zurück nach Konya, begleitet vom Sonnenuntergang in dieser faszinierenden Landschaft.

Als ich im Mai 2005 wieder das Dorf Tepeköy besuche, ist die Wiedersehensfreude groß. Mehrere Männer, Frauen und Kinder stehen plaudernd um einen Lastwagen herum und zeigen mir stolz die Kleinsten, innerhalb des letzten Jahres im Dorf geborenen Babys.

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