Kilistra – Zufluchtsort der frühen Christen in Anatolien



In Ikonium, Lystra und Kilistra sollen die ersten Christen Anatoliens gelebt haben, die während der Römerherrschaft zum christlichen Glauben konvertierten. Aus Lystra stammte auch der Empfänger jener Briefe, die der Apostel Paulus geschrieben hatte.

Kilistra, Zufluchtsort der frühen Christen

An einem Tag Ende Mai 2005 mache ich mich mit meinem Freund Abdullah auf den Weg nach Kilistra. Von Konya aus fahren wir durch den Distrikt Meram in den Kreis Hatunsaray, das frühere, in der Bibel erwähnte Lystra, jene Region, die der Apostel Paulus während seinen Reisen durch Anatolien besuchte und die wie Antiochia in Pisidien (heute: Yalvaç) und Ikonium (Konya) an der berühmten Königsstraße lag.

In Ikonium, Lystra und Kilistra sollen die ersten Christen Anatoliens gelebt haben, die während der Römerherrschaft (von 30 v.Chr. bis 395 n.Chr.) zum christlichen Glauben konvertierten und von da an teils grausamen Verfolgungen ausgesetzt waren. Aus Lystra stammte auch der Empfänger jener Briefe, die der Apostel Paulus geschrieben hatte. Timotheos, Sohn eines griechischen Vaters und einer jüdischen Mutter, den Paulus unter anderem als seinen Jünger und als “Liebsten Sohn” sowie “Unser Bruder” bezeichnet hatte, galt als Vorbild und wurde von Paulus in der Führung einer Gemeinde unterwiesen, später sogar zum Bischof von Ephesos gewählt.

Aus dieser Zeit ist auch die Geschichte der frommen Theakla überliefert, die von ihrem Fenster gegenüber der Synagoge in Ikonium der Rede des Apostel Paulus gelauscht haben soll, als dieser sich mit seinem Gefährten Barnabas dort aufhielt. Im Zuge der Christenverfolgungen durch die Römer wurde die jungfräuliche, später heilig gesprochene Theakla gefoltert und zum Tode verurteilt. Da die frühen Christen in Lystra den ständigen Verfolgungen ihrer heidnischen Zeitgenossen sowie den immer wieder stattfindenden Übergriffen und Plünderungen nichts entgegensetzen konnten, suchten sie Schutz in den Bergen der Region. Eine jener geheimen Zufluchtsorte war Kilistra.

Schon die schmale Straße zu dem abgelegenen Ort, die sich immer wieder durch die anatolische Landschaft windet, wird flankiert durch steile Abhänge, an denen schwarze Bergziegen, mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen, nach Nahrung suchen. Nach etwa 50 Kilometer Fahrt von Konya eröffnet sich schließlich die Sicht auf das Dorf Gökyurt, welches über das alte Kilistra gebaut wurde und schon von weitem sichtbar auf einer Anhöhe thront, ringsherum von Bergen umgeben.

In spätbyzantinischer und seldschukischer Zeit, als immer mehr Türken nach Anatolien kamen, sollen christliche und muslimische Bewohner friedlich miteinander gelebt haben, was verschiedene Funde bei Ausgraben bestätigten. Im Osmanischen Reich wurde der Ort vor allem von Halbnomaden besiedelt, die Viehzüchter waren.

Auch heute prägen Landwirtschaft und Viehzucht das Dorf Gökyurt und die zwischen den Schluchten angelegten Felder. Frauen auf Eseln sind zu sehen und Hunde, die herumstreunen. Nutztiere, wie Esel und Pferde werden nach wie vor zur Arbeit oder als Reittiere eingesetzt. Traditionell wird im Tal Wein zur Herstellung von Traubensirup, vor allem aber der Kürbis angebaut. So ist es beispielsweise Sitte, das bei Hochzeiten an den Tischen der Frauen Kürbisgerichte gereicht werden. Aber auch Pflaumen, Birnen und andere Früchte, aus denen Kompott gemacht wird sowie die Gewinnung von Honig sind typisch für Gökyurt.

Blickpunkt in dem langgezogenen Tal hinter dem Dorf sind die in vulkanisches Tuffgestein gehauenen Höhlen, von denen die meisten in byzantinischer Zeit zwischen dem 8. und 13. Jahrhundert entstanden sind. Archäologische Ausgrabungen, bei denen unter anderem ein wiederverwendeter römischer Grabstein in einer alten Weinkelterei gefunden wurde, weisen darauf hin, das der Ort im 2. Jahrhundert v.Chr. besiedelt war.

Das vom Grün verschiedener Pflanzen und Bäumen geprägte Tal wird an diesem frühen Nachmittag von einem Wechselspiel von Sonnenlicht und Schatten beherrscht. Nur vereinzelt sind Menschen zu sehen, im Ortskern verschwinden Frauen hinter den Türen der aus Stein gebauten Häuser und Gänse laufen über den schmalen, groben Pfad durchs Dorf. Ich erklimme einen der Felsen, von dem aus ich einen herrlichen Ausblick über das Tal habe.

Vor einer Felsenwand mit vielen Höhlen treiben Schulkinder in ihren blauen Uniformen Sportunterricht, angeleitet vom Lehrer sowie dem Hoca (Imam) der Dorfmoschee. Direkt vor mir steht die aus einem einzigen Felsen herausgehauene Kapelle, die so genannte Sandıkkaya, ein in seiner Art absolut seltenes und faszinierendes Bauwerk.

Die Kreuzform der Kapelle wird erst von oben richtig erkennbar, als ich um sie herumgehe, entdeckte ich zwei Fenster, die wie kleine Höhleneingänge anmuten und auf der gegenüberliegende Seite den mit Eisengittern verschlossenen Eingang. Das schummerige Licht fällt durch die Fenster in das archaisch wirkende Innere.

Der Sportunterricht ist offensichtlich beendet, denn die sich bewegende Masse der blau gekleideten Schüler im Tal löst sich langsam in alle Richtungen auf, einige von ihnen klettern den Hang mitsamt zwei Pferden hinauf in meine Richtung.

Ich komme mit dem Dorflehrer sowie dem Hoca ins Gespräch und letzterer lädt Abdullah und mich zum Essen in sein Haus ein. Wir sagen zu, wollen aber erst noch weitere interessante Stätten im Dorf besichtigen.

Zunächst führt der Weg ganz nach oben auf jene felsige Anhöhe, die man schon von weitem sehen kann, wenn man sich Gökyurt nähert. Ebenso beeindruckend ist dann auch der Blick von hier oben, den man vom Rand der Felsenschlucht weit über die Täler schweifen lassen kann.

Ganz in der Nähe befindet sich der alte Versammlungsplatz von Kilistra. Nachdem wir auf der anderen Seite des Dorfes noch ein unterirdisches Kirchengewölbe aufgesucht haben, dessen Eingang von außen kaum erkennbar ist, machen wir uns auf dem Weg zum Haus des Hocas direkt neben der Moschee.

Mevlut Hoca wartet schon auf uns, zunächst müssen wir aber noch einen steilen Hang heruntersteigen, auf dem einiges Geröll liegt. Herzlich empfängt uns der Hoca und weist mit einer Geste den Weg ins Haus. Nach dem Ausziehen der Schuhe muß ich zunächst den Kopf unter dem niedrigen Türrahmen einziehen, schließlich nehmen wir auf dem Boden in der Wohnstube Platz.

An der Wand befinden sich zwischen zwei Fenstern noch alte Holzintarsien, im Raum steht ein Ofen und Sitzkissen liegen auf dem Boden. Des Imams kleine Tochter serviert schwarzen Tee in den typischen Gläsern, der 8jährige Sohn begrüßt uns Gäste mit einem angedeuteten Handkuss, dann wird ein Tuch ausgebreitet und ein rundes Tablett aufgelegt.

Bei Mevlut Hoca Mevlut Hoca offeriert in seiner Gastfreundschaft frittierte Kartoffeln, Tomaten, Käse, Eier, Butter, schwarze Oliven und selbstgebackenes Fladenbrot, alles frisch aus dem Dorf. Wir unterhalten uns über das Leben im Dorf.

Der bärtige Hoca, der aus dem Nachbarort stimmt, erzählt, das zunehmend viele junge Männer den Ort verlassen, um in einer der Metropolen wie Konya, Ankara, Izmir oder Istanbul ihr Glück zu versuchen. “Das moderne Leben zieht sie mehr an, als das harte Leben auf dem Lande”, sagt er.

Ich möchte wissen, welche Rolle die Religion im ländlichen Alltag spielt und ob vom Christentum im Ort noch etwas übrig geblieben sei. “Ausser den vielen Höhlen und alten Kirchen ist im Dorf kein christlicher Einfluss mehr übrig”, erzählt der Hoca. Der Islam spiele im dörflichen Alltagsleben eine wichtige Rolle, sagt er: “An Freitagen kommen viele Männer in die Moschee. Und natürlich ist an wichtigen, muslimischen Feiertagen einiges los. Ansonsten findet die Ausübung der Religion eher im häuslichen Rahmen statt oder man betet zwischen der Arbeit auf dem Feld”.

Nach einem ausgiebigen Mahl brechen wir gestärkt wieder auf, danken Mevlut Hoca für seine Gastfreundschaft. Es fängt ein wenig an zu regnen, ein Traktor mit Anhänger, von dem gerade mehrere Frauen und Kinder heruntersteigen, versperrt für ein paar Minuten den Weg, dann steuert Abdullah sein Fahrzeug durch die verwinkelten Gassen von Gökyurt, dem alten Kilistra hinaus auf die Piste in Richtung Konya.

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