Sema – Mystischer Tanz der Derwische

SEMA, der mystische Tanz der sich drehenden Mevlevi-Derwische fand seinen Ursprung in einer Inspiration des berühmtem islamischen Mystikers Mevlana Celaleddin Rumi, der im 13. Jahrhundert in der zentralanatolischen Stadt Konya lebte und lehrte. Während sich der Derwisch von rechts nach links dreht, umarmt er symbolisch in Liebe die gesamte Menschheit.

Das Foto (oben) war vom 28. Mai bis 3. Juni 2008 auf dem Széchenyi-Platz im Zentrum von Pécs, Ungarn in der Foto-Ausstellung “100 fele Iszlam – 100 reflections of Islam” zu sehen.

Das Ritual des Sema – Mystischer Tanz der Derwische

SEMA, der mystische Tanz der sich drehenden Mevlevi-Derwische fand seinen Ursprung in einer Inspiration des berühmtem islamischen Mystikers Mevlana Celaleddin Rumi, der im 13. Jahrhundert in der zentralanatolischen Stadt Konya lebte und lehrte. Das Ritual erhielt seine Form erst nach dem Tode Mevlanas (17. Dezember 1273 in Konya).

“Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass die grundlegende Voraussetzung für unsere Existenz eine Drehbewegung ist. Es gibt kein Wesen oder Objekt, das sich nicht dreht, denn alle Wesen bestehen aus Atomen mit kreisenden Elektronen, Protonen und Neutronen.

Alles kreist, und der Mensch lebt dank der Teilchenbewegung, dem Blutkreislauf und den Lebenszyklen mit dem Erscheinen aus der Erde und dem Zurückkehren zur Erde”

So beschreibt es Dr. Celaleddin Çelebi, der 21. Urgrossenkel von Mevlana Celaleddin Rumi. Diese Bewegungen seien natürlich und unbewusst, doch da der Mensch Bewusstsein und Intelligenz besitze, nehme der sich drehende Derwisch (Semazen) absichtlich und bewusst an den Bewegungen teil, denen alle Lebewesen unterworfen seien, so Dr. Celaleddin Çelebi.

Entgegen der üblichen Meinung sei es nicht das Ziel des Semazen, in Ekstase zu verfallen, sondern sich in Harmonie mit der Natur, mit den kleinsten Zellen und den Sternen am Himmel zu drehen und damit Zeuge für die Majestät und die Existenz des Schöpfers zu sein und so die Worte im Koran (Sure 64, Vers 1) zu bestätigen:

“Es preißt Allah, was in den Himmeln und was auf Erden ist…”.

Verstand, Herz und Körper werden beim Sema zusammengeführt und stellen den spirituellen Weg des Menschen dar. Im Drehen der Wahrheit entgegen wächst er durch Liebe, übersteigt das Ego, trifft auf die Wahrheit und erlangt Vollkommenheit. Dann kehrt er zurück von seiner spirituellen Wanderung, befähigt zu lieben und der Schöpfung mit allen Geschöpfen zu dienen, ohne Unterscheidung von Glaube, Klasse oder Rasse.

Der Derwischhut (Sikke) symbolisiert den Grabstein und das weisse Gewand (Tenure) das Leichentuch des Egos. Zu Beginn des Sema legt der Derwisch den schwarzen Umhang ab, was bedeutet, er wird in der Wahrheit wiedergeboren. Die gekreuzten Arme symbolisieren die Zahl “Eins” als Zeugnis für die Existenz des Einen Gottes (“Allah” bedeutet “Der eine Gott”).

Während sich der Derwisch von rechts nach links dreht, umarmt er symbolisch in Liebe die gesamte Menschheit. Sein rechter Arm ist mit geöffneter Hand nach oben zum Himmel erhoben, um Gottes Wohltätigkeit zu empfangen, während die linke Hand, auf die der Semazen seinen Blick richtet, zur Erde zeigt und damit Gottes Gaben weitergibt. Mevlana Celaleddin Rumi sagte: “Alle Liebe ist eine Brücke zur göttlichen Liebe. Doch wer nie einen Geschmack davon hatte, weiss es nicht.”

Das Ritual des Sema (nach der Beschreibung von Dr. Celaleddin Çelebi, dem 21. Urgrossenkel von Mevlana Celaleddin Rumi):

Das Ritual des Sema beginnt mit dem “Nat-i Şerif”, der Lobpreisung des Propheten Mohammed, der die Liebe repräsentiert und alle Propheten, die vor ihm von Gott gesandt wurden, gefolgt von einem Trommelschlag auf der “Kudum”. Dies symbolisiert den göttlichen Befehl “Sei” (kun). Danach ist eine Improvisation (taksim) auf der “Ney”, der Rohrflöte zu hören, die den ersten göttlichen Atem versinnbildlicht, der allem Leben einhaucht.

Als nächstes folgt der “Devri Veledi”, der Gang des Sultan Veled, der durch die Musik, “Preşev” genannt, untermalt wird. Während die Derwische drei mal im Kreis gehen und sich gegenseitig verbeugen, symbolisieren sie die Begrüssung von Seele zu Seele, die hinter Formen und Körpern verborgen ist. Das danach beginnende Drehen der Semazen besteht aus vier Begrüssungen (Selams), jeweils am Anfang und Ende bezeugt der Derwisch die Einheit Gottes.

Das Drehritual selbst ist in vier Selams (Begrüssungen) oder Sätzen unterteilt, je mit unterschiedlichem Rhythmus. Immer zu Beginn und am Ende eines Selams bezeugt der Semazen Gottes Einheit.

Die erste Begrüssung steht für die Geburt des Menschen in die Wahrheit mit Gefühl und Verstand und repräsentiert die Existenz Gottes als Schöpfer und die Akzeptanz der Bedingungen als von Gott erschaffenes Wesen. Die zweite Begrüssung steht für das Entzücken des Menschen, in Anbetracht der Grösse und Allmächtigkeit Gottes die Herrlichkeit der Schöpfung zu sehen.

Die dritte Begrüssung steht für das entzückende Auflösen in Liebe und die Aufgabe des Verstandes für die Liebe, was vollständige Hingabe, Einheit und Entwerden des Selbst im Geliebten bedeutet. Dieser Zustand der Ekstase ist im Buddhismus als “Nirvana” und im Islam als “Fenafillah” bekannt.

Der höchste Grad im Islam ist der Status, der durch den Propheten Mohammed erreicht wurde, der Diener Gottes und vor- und nachzeitlich Gottes Gesandter war und ist. Ziel des Sema ist nicht die ununterbrochene Ekstase, sondern die Verwirklichung der Unterwerfung und Hingabe an Gott.

Die dritte Begrüssung (Selam) steht für die Rückkehr des Semazen als Dienender von seiner spirituellen Reise zu seinen Aufgaben, so wie der Prophet Mohammed zum spirituellen Thron aufstieg, um danach wieder zu seinen Aufgaben auf Erden zurück zu kommen.

Koran Sure 2, Vers 285:

“Der Gesandte glaubt an das, was ihm von seinem Herrn herabgesandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Alle glauben an Allah und Seine Engel und Seine Schriften und Seine Gesandten und machen keinen Unterschied zwischen Seinen Gesandten. Und sie sprechen: Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Herr! Und zu Dir ist die Heimkehr!”.

Am Ende dieser Begrüssung demonstriert der Derwisch wieder die Einheit Gottes, indem er demütig die Arme kreuzt. Anschliessend folgt eine Rezitation des Korans, insbesondere des Verses 115 aus der Sure al-Bakara:

“Und Allah ist der Westen und der Osten. Daher: Wohin ihr euch auch wendet, dort ist Allahs Angesicht. Siehe, Allah ist allumfassend und wissend”.

Die Zeremonie endet mit einem Friedensgebet für die Seelen aller Propheten und Gläubigen. Nach dem Sema kehren alle Derwische in Stille in ihre Zellen zurück, um sich der Meditation hinzugeben (tefekkiir).

(Koranverse in deutscher Übersetzung aus dem Arabischen von Max Henning – erschienen 1901, überarbeitet von Murad Wilfried Hofman 1998)

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