Vefa und die Süleymaniye Moschee in Istanbul

Süleymaniye Moschee in Istanbul

Vor allem die prachtvolle Süleymaniye Moschee, errichtet zwischen 1550 und 1557 vom berühmten Architekten Sinan für den osmanischen Sultan Süleyman prägt das Istanbuler Viertel Vefa.

Das Istanbuler Altstadtviertel Vefa und die Süleymaniye Moschee

Nahe einer kleinen Busstation am Rande des Stadtteils Vefa haben Obsthändler ihre Karren aufgestellt. Die Äpfel, Birnen und Melonen glänzen in der Morgensonne, als ich vorbei an der Kalenderhane-Moschee, einer alten Kirche, die später dem Derwischorden der Kalender als Domizil diente, durch ein Viertel mit mehreren alten typischen Istanbuler Holzhäusern gehe. Viele sind in einem sehr schlechten Zustand, vom Alter und von Bränden gezeichnet.

Unterwegs begegnet mir ein Serbetverkäufer, der sein Getränk aus einer großen Kanne ausschenkt. In einer der schmalen Gassen stehen Männer vor einer Fladenbrot-Bäckerei, eine alte Frau kauft Lebensmittel in einem winzigen Laden. Ein Schuhputzer sitzt mit seinem Schuhputzkasten vor dem Eingang zu dem kleinen “Cafe Mekan”.

Die goldenschimmernden Kappen der Schuhcreme-Dosen blitzen in der Sonne. Er muß leider zugeben, dass meine Schuhe noch in gutem Zustand sind. Kein Geschäft also diesmal und so zuckt er lächelnd mit den Achseln.

Direkt neben dem Cafe befindet sich ein Reisebüro, das neben Flügen von Turkish Airlines auch die islamischen Pilgerfahrten Hadsch und Umra nach Mekka und Medina in Saudi-Arabien organisiert. Einmal im Leben die Pilgerfahrt nach Mekka anzutreten, ist für jeden Muslim Pflicht, der es sich finanziell leisten kann.

In einer kleinen, schattigen Seitengasse spielen Kinder auf dem staubigen Gehsteig. Nachdem ich den schmalen Gang an der alten Medrese durchquert habe, steht der beeindruckende Komplex direkt vor mir, die Süleymaniye Moschee, gebaut vom berühmten Architekten Sinan für Sultan Süleyman, genannt “Der Gesetzgeber” oder auch “Der Prächtige”.

Noch vor der Mauer zum Garten vor der eigentlichen Moschee erreicht man zunächst die frühere Suchtgasse, die man so nannte, weil die Kaffeehäuser außer Kaffee auch Opium und Haschisch angeboten haben sollen.

Auch heute sitzen hier Männer auf kleinen Hockern um Tische herum, viele rauchen kräftige türkische Zigaretten der Marken Samsun oder Maltepe, während ein Tee nach dem anderen getrunken wird. Ein idealer Platz, um die täglichen Neuigkeiten auszutauschen.

Manchmal ist es etwas laut, wenn ein Reisebus direkt vor dem kleinen Garten am Teehaus hält oder wieder mal ein Lastkraftwagen Probleme beim Rangieren seines Fahrzeugs in den engen Gassen hat.

An der Ecke bewirtet ein kleines Lokal die meist einheimischen Gäste. Leckere Hackfleischgerichte, Reis und Bohnen, aber auch verschiedene Suppen werden hier serviert. Vor der Bestellung kann man einen Blick in die halboffene Küche werfen.

Hinter einer hohen Mauer erhebt sich die riesige Moschee direkt vor mir. In dem begrünten Park sitzen wieder Schuhputzer an jeder Ecke. Kinder versuchen Taschentücher an die Moscheebesucher zu verkaufen, hier und da sieht man Bettler mit ausgestreckter Hand auf dem Boden hocken, darunter viele ältere Frauen.

Zielstrebig wird eine Reisegruppe zum Eingang für Touristen geführt, die nur einen Teil der Moschee hinter einem niedrigen aufgestellten Zaun im Innern betreten dürfen. Die Besucher werden aufgefordert, die Schuhe auszuziehen, Frauen werden Tücher gereicht, um ihre Haare zu bedecken, auch Männer mit kurzen Hosen sind angehalten, sich zu bedecken.

Neben dem Seiteneingang ins Innere nehmen Männer die rituelle Waschung (Abdest) vor, die jeder Muslim vor dem Gebet durchführen muß.

Dabei ziehen sie zunächst Schuhe und Strümpfe aus und waschen sich als erstes die Hände, dann Mund und Nase, das Gesicht und schließlich beide Arme. Mit beiden nassen Händen streichen sie sich über den Kopf bis in den Nacken.

Dann werden die Ohren gesäubert und zum Abschluß noch die Füße gewaschen. Nur wer sich auf diese Weise rituell gereinigt hat, geht anschliessend das Gebet verrichten, sei es alleine oder in der Gemeinschaft zu einer der Gebetszeiten.

Es gibt fünf Gebetszeiten täglich: Das Morgengebet, das Mittagsgebet, Nachmittagsgebet, Abendgebet kurz nach Sonnenuntergang und das Nachtgebet am späten Abend.

Je nach Jahreszeit verändert sich der genaue Zeitpunkt, an dem der Müezzin zum Gebet ruft. Dann sollte der Muslim sein Gebet sofort oder aber innerhalb des Zeitraums bis zur nächsten Gebetszeit verrichten.

Im Innern der Süleymaniye Moschee offenbart sich mir ein erhabener und überwältigender Eindruck von Spiritualität. Bei dem gerade beginnenden Mittagsgebet sind recht viele Männer anwesend, im Anschluß werden auch Bittgebete für Sultan Süleyman gesprochen.

Das eigentliche Haupttor befindet sich parallel zu der kleinen Gasse, wo die frühere Armenküche und Karawanserei untergebracht waren, in der Reisenden und ihren Packtieren Verpflegung und Übernachtungs-möglichkeiten geboten wurden. Über dem prächtigen Hauptportal zum Innenhof der Moschee hatte zu osmanischer Zeit der Astronom seine Räume, um die Gebetszeiten festzusetzen. Zum Süleymaniye Komplex gehörten auch ein Krankenhaus, Badehaus und eine theologische Hochschule.

Gleich um die Ecke, außerhalb des Komplexes befindet sich das Grab des berühmten Architekten Sinan, der 1538 zum obersten Hofbaumeister ernannt wurde. Seine zahlreichen Arbeiten sind in der ganzen Stadt und auch andernorts zu bewundern, er soll über 130 Moscheen und rund 200 weitere Bauwerke geschaffen haben, bis er im hohen Alter von 97 Jahren starb.

Die Errichtung der Süleymaniye Moschee in den Jahren 1550 bis 1557 symbolisiert eindeutig die Macht dieses immer noch verehrten Sultans. Heute gehen im Park auf der nordöstlichen Seite der Moschee Liebespaare spazieren.

Die jungen Frauen sind mit buntem Kopftuch und meist hellen Mänteln gekleidet, sie tuscheln mit ihren Verlobten, während die Mütter oder Tanten ein wenig abseits sitzen, um hin und wieder einen aufmerksamen Blick auf das junge Liebespaar zu werfen.

Vor dem Eingang zum Friedhof der Moschee stehen kleine Marmorbänke, auf denen die Toten vor der Bestattung abgelegt werden.

Hinter einigen alten Gräbern mit teils aufwendig dekorierten Grabsteinen befindet sich das kreisrunde Mausoleum (Türbe) Sultan Süleymans, in denen die Sarkophage des Sultans, seiner Tochter Mihrimah und seinen Nachfolgern Süleyman II. und Ahmet II. unter mit herrlichen Edelsteinen besetzten Keramiksternen aufgestellt sind. Riesige Kerzen beleuchteten früher den Raum. In dem Mausoleum stehen Gläubige am Sargophag des Sultans und sprechen Bittgebete.

In einem anderen Mausoleum liegt Süleymans Hauptfrau Hürrem, genannt die Fröhliche, die ukrainischer Abstammung gewesen sein soll und in der abendländischen Geschichtsschreibung unter dem Namen Roxelane bekannt ist. Die machthungrige Roxelane schreckte nicht vor Intrigen zurück, die zu Bluttaten im Umfeld und sogar in der Familie des Sultans führten, um ihre eigenen Ziele durchzusetzen und den Weg zur Macht für ihren eigenen Nachkommen Selim freizumachen.

Dazu soll sie die Liebe des Sultans ausgenutzt haben, so dass der sich sogar von seinem jahrelangen Freund und späteren Großwesir Ibrahim sowie von seinem erstgeborenen Sohn Mustafa entfremdete. Beide wurden später ermordet.

Sultan Süleyman ging nicht nur als Förderer von Kunst und Kultur sondern vor allem auch als großer Feldherr der Osmanen in die Geschichte ein.

Obwohl Süleyman ein eher zurückhaltender und besonnener Mensch gewesen sein soll, der sich sogar selbst als Dichter betätigte und dem mystischen Sufiorden der Mevlevis zugetan gewesen sein soll, nahm er während seiner 46 Jahre dauernden Regierungszeit an 13 Feldzügen teil. Unter seiner Führung eroberten die Osmanen 1521 Bagdad, 1522 Rhodos, die damalige Festung des Johanniter-Ordens. 1529 belagerte das osmanische Heer die Stadt Wien und wurde damit entgültig zum Schreckgespenst Europas.

Neben dem eher in Europa verwendeten Namenszusatz “Der Prächtige”, nannten ihn seine Untertanen auch “Der Gesetzgeber”, da Sultan Süleyman die osmanische Verfassung umfassend reformierte, die so überwiegend noch einige hundert Jahre Bestand haben sollte. Alle nachfolgenden Sultane sollten für alle Zeiten im Schatten der Entwicklungen stehen, die zu Amtszeiten Süleymans stattgefunden hatten.

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