Seltene Vögel am Euphrat

Waldrappe in Birecik

Birecik liegt am Euphrat in Südostanatolien zwischen Gaziantep und Şanlı Urfa. Nahe Birecik, die früheren Namen des Ortes waren Makedonopolis und Birtha, befindet sich der gleichnamige Stausee, unter dem die antike Stadt Zeugma liegt. Im 3. Jhd. v.Chr. gegründet, war Zeugma einst ein bedeutendes Handelszentrum. In Birecik leben noch einige der letzten halbfreien Waldrappe (Geronticus eremita), die in der Türkei “Kelaynak” genannt werden.

Euphrat bei Birecik

Der Zugvogel gehört zur Familie der Ibisse. Von der Antike bis in die Neuzeit war der große Vogel nicht nur im Nahen Osten und in Nordafrika verbreitet, sondern auch in Süd- und Mitteleuropa bis nach Süddeutschland oder auf dem Balkan. In Europa war der Waldrapp jedoch seit jeher beliebte Jagdbeute und daher schon im 17. Jahrhundert ausgestorben.

Es gibt derzeit verschiedene Versuche, den Waldrapp als Brutvogel in Europa wieder zu anzusiedeln (Waldrapp-Projekt).

Waldrappe in Birecik

Ein ausgewachsener Waldrapp wiegt bis zu 1,4 kg und erreicht ca. 65 cm Körperlänge. Der Waldrapp ist bekannt für sein besonderes Begrüssungsritual.

Die Vögel werfen den Kopf in den Nacken und verbeugen sich voreinander. Diese Verbeugung, bei denen Männchen wie Weibchen ihre individuelle Kopfzeichnung präsentieren, wird mehrfach wiederholt.

Sie ernähren sich von Insekten, Würmern, Heuschrecken, Spinnen und auch Schnecken, manchmal auch von kleinen Säugetieren und Reptilien. Dabei stochern die Waldrappe mit ihrem besonderen Schnabel im Boden herum.

Waldrappe fühlen sich in der Kolonie wohl, gebrütet wird in Nischen an Felswänden einmal im Jahr zwischen März und Juni. Die Brutzeit dauert rund 28 Tage. Nach dem Schlüpfen brauchen die jungen Vögel einige Zeit, um von ihren Eltern die Beschaffung von Nahrung zu erlernen.

Waldrappen in Birecik

Die Männchen sind außerdem dafür bekannt, dass sie sehr eifersüchtig sind. Wenn sich ein fremdes Männchen dem Weibchen nähert, können sie mitunter recht aggressiv werden.

Heute gibt es nur noch sehr wenige Exemplare dieser sehr alten und interessanten Vogelart im Souss-Massa-Nationalpark in Marokko, bei Palmyra in Syrien und diese halbwild lebende Kolonie bei Birecik in der Provinz Şanlıurfa in der Türkei.

Wenn man nahe dem Euphrat bei Birecik einen steilen Hügel erklimmt, kann man das Schauspiel der fliegenden Waldrappe wunderbar beobachten. Sie starten und landen von der gegenüber liegenden Anhöhe, wo etwa 90 Tiere in geschützten Nestern innerhalb einer halbwilden Kolonie leben. Für die Bewohner der Region waren die Vögel seit jeher bedeutend und in der gesamten Türkei ist der Waldrapp zum Synonym für etwas Seltenes geworden. Es gibt daher die Redensart: “Bu bir kelaynak gibi, çok nadir. – Das ist so selten wie ein Waldrapp.”

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